Freitag, 11. Juni 2010

Donnerstag 17. Juni, Monsun, Beginn der Fußball WM usw.

Hallo zusammen,

ein wenig verspaetet der Rueckblick bis zum letzten Eintrag. Gruende dafuer sind sowohl die Fussball WM also auch meine Gesundheit. Staendig hoert man die indischen Kollegen sagen, oh es geht mal wieder ein Virus um. Gleich im Anschluss folgen dann gut gemeinte, aber nicht immer hilfreiche Ratschlaege, was man denn in dieser Zeit nur noch essen sollte und vor allem wo. Mein Fazit, am besten garnichts! Viel sinnstiftender waere es doch zu erwaehnen, wenn mal gerade kein Virus in dieser ueberdimensionalen Kloake umgeht. Durch den Monsum wird das teilweise nicht vorhandene oder oft veraltete Abwassersystem vollends ueberlastet, sodass das Wasser aus der Kanalisation drueckt, wo vorhanden. Was dies fuer die hygenischen Zustaende in manchen Teilen dieser Stadt bedeutet kann sich Jeder selbst ausmalen. Ein weiterer Nebeneffekt des Monsum ist die Ueberschwemmungen vieler Strassen, was dem alltaeglichen Verkehrchaos nochmal die Krone aufsetzt. Ansonsten hat sich durch den Monsum fuer micht nicht viel veraendert. Man nimmt jetzt halt ueberall ein Regenschirm mit hin, wartet Abends noch laenger auf eine Rikscha und geht nur noch in der Mitte der Strasse, damit man nicht ueber einem Gullideckel laeuft, der vielleicht gerade hochgeschossen kommt bzw. da wo das schon passiert ist in ein tiefes Loch tritt.

Monsum bedeuted uebrigens nicht, das es den ganzen Tag gleich viel durch regnet.Vielmehr hat man alle Arten von Regen von teilweise heftigen Stuermen bis hin zu bestaendigen Niesel. An dieser Stelle sein an das beruehmte Zitat aus dem Film Forrest Gump erinnert: "Schoener langer Regen, Regen in grossen Tropfen, Regen in ganz kleinen Tropfen, Regen von oben, Regen von der Seite  und manchmal schien der Regen sogar von Unten zu kommen." So oder so aehnlich. Es gibt durchaus auch regenfreie Stunden, allein die Sonne bekommt man nur noch selten zu sehen. Die zwei Bilder vom Monsum sind einmal waehrend einer Rikschafahrt aus dem Gefaehrt heraus und einmal im Buero durchs Fenster enstanden, das erklaert auch die mindere Qualitaet, allgemein habe ich die letzten 10 Tage wenig Bilder gemacht.

Nun war letzten Freitag ja Eroeffnungspiel und ich wachte puenktlich zur WM Freitag Morgen mit schweren Magen-Problemen auf, was es diesmal war, keine Ahnung. Nachmittags bin ich dann von Arbeit Heim, weil es echt nicht mehr ging und ich wohl mehr Zeit im WC als an meinem Platz zugebracht hatte. So war ich dann auch beim ersten Spiel beim Arzt und nicht in der Kneipe. Fussball schauen ist hier aber momentan eh ein Problem. Erstens starten fast alle deutschen Spiele bis auf das morgige zur familien- und arbeitsfreundlichen Zeit um 24:00 Uhr und zweitens kollidiert die Zeit stark mit dem indischen Gesetz nach dem um 1 Uhr alle Bars, Kneipen, Restaurants und Diskotheken zu schliessen haben. Verlaengerungen bis nach 1 gibt es nur auf Sondergenehmigung und die meist nur gegen reichlich Bakschisch (Hindi fuer Zuwendungen, man koennte auch Schmier- oder Bestechungsgeld sagen).
Eine Kneipe zu finden, die also
a) einen Fernseher/Leinwand hat,
b) Fussball zeigt und nicht die 345. Cricketwiederholung von Kleinsiehstenicht gegen Hastenichtgesehen aus dem Jahre 1994,
c) eine Genehmigung hat Bier und anderen Alkohol auszuschenken (sind auch wieder 2 Genehmigungen, die es nur gegen Bakschisch gibt) und
d) laenger als 01:00 Uhr aufmachen darf ist also beinahe ein Ding der Unmoeglichkeit, selbst in der groessten Metropole des Landes.

Dabei ist in Indien Fussball gerade voll in Mode bei der aufstrebenden Mittelschicht und genauso cool wie in riesiegen Einkauszentren rumhaengen und ueberteuerten Mist kaufen und bei McDonalds essen zu gehen, auch fuer Vegetarier. Das kennt man doch noch aus Europa ein, zwei Jahrzente zurueck. So angesagt, wie nach der Wende war McDonalds ja im Osten der Republik auch nie mehr. Es gibt uebrigens in Indien neben dem obligatorischen Mac Chicken, der tatsaechlich so wie im Rest der Welt schmeckt nur noch 3 speziell indische Hamburger, den Maharashtra oder Maharaja Burger, so ein anderen kleinen Haenchenburger und einen vegetarischen Burger. Geschmacklich platzieren die 3 sich zwischen unterdurchschnittlich ueber grausam bis ungeniessbar. Eins muss man noch erzaehlen, da in Indien alles kostenlos geliefert wird, gilt das auch fuer McDonalds. Arbeitskraft und Sprit kosten ja hier nichts. Zurueck zum Fussball, plus 60% Einschaltquoten in Indien bei dieser WM gegenueber der letzten. Wobei der Zuschauer sich durchaus mit denen aus Suedafrika messen kann, jeder Unfug und auch das schlechteste Spiel wird durchentweg geredet und diskutiert und noch jeder kleine Mist mit einem Ooooh bedacht, erinnert etwas an das sinnentleerte Dauertroeten vom Kap. Das letzte Spiel allerdings nicht, denn da muessen ja alle Inder zu Hause bei Mutti sein.

Mir selbst ging es am Samstag nach 12 h Schlaf und einem Medikamenten Cocktail  Abends zuvor ertsaunlich gut, sodass ich dann auch wieder Fussball schauen gehen konnte. Sonntag habe ich mir dann das Deutschlandspiel in der deutschindischen Handelskammer hier in Mumbais Sueden angeschaut. Gute Stimmung, 20-30 Leute, Bierbaenke, Salzstangen und 0,33 Flaschen Warsteiner fuer 3 Euro, naja dafuer konnte man auch gefaelschte Trikots fuer 2,50 Euro kaufen, falls einem denn eine der indischen Kindergroessen passen sollte. Einen besseren Preis wuerde man wohl nichtmal in China direkt bekommen.

Tja diese Woche stand gestern noch der deutsche Stammtisch in Mumbai an, der war gestern und ok. Allerdings wurde in der Einladung bewusst unterschlagen, dass es in der besagten Kneipe kein Bier (Lizenz = Bakschisch) sondern nur Wein gab, sodass arglose Personen, wie ich, da trotz dieses Missstandes hingegangen sind. Naja wenigstens ein paar interessante Leute. Die beste Geschichte an diesem Abend war die eines Deutsch-Australiers. Dieser hatte kurz vor Abschluss seines VWL-Studiums in Deutschland einen wohl feuchtfroehlichen Sommerurlaub in Spanien im letzten Jahr mit ein paar australischen Freunden gehabt. Dieser endete dann so, dass er ein Maedel schwaengerte und danach entschied, dass die beste Loesung des Problems wohl waere fuer eine Weile durch Indien zu reisen und zu versuchen von nur 3 Euro am Tag also dem indischen Durchschnittseinkommen und der Gastfreundschaft der Inder zu leben. Diese ist allerdings ausserordentlich gut ausgepraegt. Jedenfalls kam er irgendwann in einer Heangematte auf der Ladeflaeche eines LKW in Mumbai an, hat nach ein paar Naechten in Zuegen und auf Bahnhofsbaenken, wo er bestohlen wurde, durch Zufall einen Bekannten aus Goa getroffen, der wiederum zufaellig zusammen mit einem der reichsten Inder aufgewachsen ist. Mit diesem wurde er dann bekannt gemacht und nun hat er irgendeine Position, bei einer Marke des Milliardaers, die so Dineg wie das Mumbaier Pendant zum Muenchern P1 betreibt. Auch ein Werdegang koennte man an dieser Stelle sagen.

Mir selbst ist gestern wohl wieder etwas nicht bekommen, sodass es mir in etwa fast so schlecht wie letzten Freitag geht. Da ich mich eh kaum konzentrieren kann, habe ich deshalb heute mal den Artikel von Arbeit aus geschrieben, fuer alle die sich wundern warum ich immer ae, oe und ue usw. schreibe (englische Tastatur).

Anbei uebrigens noch ein Link von einem kleinen Youtube Video zum Polo-Cup.

http://www.youtube.com/watch?v=pqf6UHF4AmY

Ist eigentlich die beste Szene mit drauf, die beinahe katastrophal geendet waere, allerdings in englisch kommentiert.

Was kann man noch erzaehlen, vielleicht etwas zur indischen Berufsausbildung, indischer Arbeit und zum Geruestbau.

Also der Geruestbau ist stark ostasiatisch gepraegt und wird mit langen Bambushoelzerner bewerkstelligt, auch noch in schwindelerregenden Hoehen. Ein deutscher Geruestbauer wuerde einen Schlaganfall erleiden. Sieht wahnsinnig aus, ist es wohl auch, aber scheint zu halten, meistens. Was auch ganz toll ist in Indien, ist das Schweissen. Wird hier meist von kleinen Kindern ueberall an jeder Strasse bewerkstelligt, denn die haben ja schliesslich noch die besten Augen! Da sich natuerlich Keiner eine Schweisserbrille leisten kann, hat man hier die sensationelle Technik des ganz ganz schnell Wegkuckens erfunden, teilweise sogar mit Sonnenbrille. Funktioniert bestimmt super, kann ich mir vorstellen. Berufsausbildung in Indien ist einfach, es gibt einfach keine, nix mit Lehre, Azubi, Geselle, Meister. Aber Nichtstudienberufe sind eh nur was fuer Arme oder die untere Mittelschicht. Man lernt, dass was Vater, Onkel oder Grossvater schon gemacht haben durch zusehen und nachmachen. Was etwas typisch indisches zur Folge hat. Man weiss zwar wie man etwas macht, aber nicht warum und welches Ziel damit verfolgt wird. Es fehlen oft einfach fundamentale Grundlagen. Bedingt wird das ganze auch durch das Kastensystem, das gewissen Kasten gewisse Berufe vorschreibt bzw. andere verbietet. Ich bin uebrigens der Meinung, dass Menschen die gewisse Berufe in Indien ausueben, die frueher nicht jeder machen konnte, ueberall in Indien sehr sehr aehnlich aussehen, als seien sie naeher verwandt. Das schafft das Kastensystem! Man kann es sich wie eine mittelalterliche Gilde vorstellen, die einerseits vor Konkurrenz schuetzt, aber andererseits die Betroffenden auch stark einengt. Uebringes hat jeder Beruf auch nochmal seine eigene Kaste, auch die Abdecker, Kanalreiniger oder Prostituierte zum Beispiel. So bedingt es sich auch, dass wenn man etwas bestimmtes braucht, man zum Fahrer sagt: Fahr mich mal in die oder die Strasse. Da meist alle Geschaefte eines Typs in einer Strasse der Stadt/des Stadtteils vorhanden sind. Es gibt also die Moebelstrasse, die Elektonikstrasse, den Reinigungsbezirk usw. In den grossen Staedten beginnt sich das langsam zu Wandeln, allerdings merkt man auch wir ueberall im Land: Die gesellschaftliche Entwicklung kann mit der technisch/wirtschaftlichen nicht Schritt halten.

Wessen Eltern Geld haben, der geht studieren und zwar meist das was die Eltern wollen bzw. diese grade fuer ganz wichtig halten. Momentan ganz weit oben sind Medizin und irgendwas mit IT, schliesslich soll ja Indien eine IT-Macht sein. So ergibt es sich, dass jedes Jahr Abertausende junge Inder einen Beruf ergreiffen, den sie eigentlich niemals wollten und dementsprechend motiviert ans Werk gehen, was sich super auf die Produktivitaet durchschlaegt. Die meisten westlichen Konzerne haben das inziwschen antizipiert, sodass solche Leute nicht mehr eingestellt werden. Was fuer die Betroffenden einerseits sicher eine Erleichterung ist, aber andererseits den Druck der Familie auch noch erhoeht, warum man es denn trotz der guten und vorallem teuren Ausbildung die man genossen hat, es zu nichts gebracht habe. Inder, die sich es leisten koennten, sind sehr bedacht bezueglich Bildung. Das Beste und wiederum das Teuerste, was man sich leisten kann, ist grade gut genug. Was zu solch bizarren Ereignissen fuehrt, wie der Tatsache, dass jedes Jahr sich einige Hundert oder mehr Menschen nach den Abiturpruefungen das leben neben. Kinder die es nicht geschafft haben oder durch eine Aufnahmepruefung gefallen sind oder Eltern, die sich bei bestandenen Aufnahmepruefungen schlicht das Studium des Kindes nicht leisten koennen und mit dieser Schande nicht leben wollen. Der Konkurrenzdruck von weit ueber 1 Milliarde Menschen macht es moeglich, nix mit Pille und Geburtenknick. Kinder sind hier oft noch die Einzige Altersvorsorge und deshalb haben die Armen auch so viel wie moeglich, auch auf die Gefahr hin, dass ein oder 2 im Laufe der Zeit verhungern. Die Kinder der neuen indische Mittelschicht hingegen werden meist ihre gesamte Kind- und Jugendzeit so verhaetschelt, dass man nur noch den Kopfschuetteln kann. Der Bruch beim Auszug ist darum umso haerter, wenn diese dann ausziehen muessen und mit der harten Realitaet konfrontiert werden. Man sieht in Indien mittlerweile die Schichtzugehoerigkeit auch an der Figur, wer einen Wammst hat oder schlicht und einfach fett ist, gehoert meist zur neureichen McDonaldsschicht. Die ganz reichen haben ja ein Fitnesstrainer und die Armen sind spindelduerr.

Falls ihr mal wieder ein schlecht recherchierten Artikel in deutschen Zeitungen lest, dass Deutschland sich vor Indien in acht nehmen muss, weil das Land jedes Jahr zum Beispiel hundertausende Inegnieure ausbildet, kann sich entspannt zuruecklegen und den Text ignorieren. Der Prozentsatz, derer die hier wirklich was drauf haben, liegt im unteren Promille Bereich! Ueber Porduktivitaet und Motivation habe ich ja schon oefter gesprochen, das Beste aber ist die hervorragende Ausbildung an indischen Universitaeten. Das Studium besteht fast ausschliesslich aus dem Wiedergeben von dem was der Proffessor gesagt hat. Aber nicht die europaeische Wischi-Waschi Methode, Nein! Wort fuer Wort! So lernen indische Ingeneure im Semester zum Beispiel die Anleitung einer Maschine auswendig, bekommen diese aber wenn es hoch kommt im Semester nur einmal fuer 30 min von weitem zu sehen. Sollte sich etwas an der Konstruktion aender, haben sie ein Problem. Viel wichtiger als selbstaendiges Denken ist vor allem anderen auch, wie man dem Professor als Mensch gefaellt. Hat man zum Beispiel eine schoene Handschrift (besonders wichtig), ist immer schoen puenktlich und gekaemmt, vielleicht auch schon verheiratet oder hat einen bekannten Namen, kann man egal was fuer Mist man schreibt, so gut wie nie schlechter als 2 sein! Was einfach mal daran liegt, dass Niemand in diesem Land wirklich Zeit und Lust hat abermillionen Arbeiten jedes Jahr zu kontrollieren, deshalb ist eine schoene Handschrift so wichtig. Sieht einen allerdings der Professor beim Rauchen, kommt man Mal zu spaet oder sieht so aus als haette man einen liederlichen Lebenswandel, wird es schwer werden bei dem noch besser als 4 abzuschneiden!!! Dieser letzte Absatz ist uebrigens kein schlechter Witz, dass ist das Ergebnis meiner Gespraeche mit 3 indischen Studenten von verschiedenen Universitaeten (aber keine Eliteuni dabei, was immer das in Indien heisst, vielleicht 24h fliessend Wasser). Die beste Geschichte dazu hat mir Einer, der auch irgendwas mit IT/Telekommunikation studiert, in meiner Stammkneipe Totos erzaehlt. Er hatte bei einem Proffessor einen Stein im Brett, weil er am ersten Tag eine inhaltliche Frage gestellt hatte und nicht wie ueblich: "Koennen sie das nochmal wiederholen?". Seitdem hat er egal was er geschrieben hat immer! eine 2 bekommen. Irgendwann hat er es auf die Spitze gebracht und nach einem kurzen Einleitungs- und Endsatz in Klausuren nur noch Gedichte oder Geschichten geschrieben. Die 2 war ihm sicher! Also die Inder koennen gerne kommen, da braucht man keine Angst haben!


So genug fuer heute. Ich geh jetzt heim, bin ja krank. Vielleicht gibt es ja beim naechsten Mal wieder mehr Bilder.

Bis die Tage