Samstag, 27. März 2010
27.03.2010 Tag am Meer
Was bisher geschah
Also nun habe ich also Internet und kann regelmäßig schreiben, na ja ganz so toll ist bisher auch nicht, da mein Laptop ein nordisches Modell ist und eigentlich nur bei Minusgraden super läuft. Die nächste Investition ist hier also ein externer Lüfter.
Was habe ich bisher gemacht? Ich muss leider zugeben, nicht allzu viel, denn von den nun rund 4 Wochen, die ich hier bin, war ich gut 3,5 Wochen krank. Einzelheit erspar ich euch, wer es genauer wissen will, kann mir ja mal ne Email schreiben ;-) Aber ich habe erst einen Tag auf Arbeit bisher gefehlt.
Tagsüber gehe ich halt arbeiten und am Wochenende, abends und am Wochenende muss ich leider meistens im Bett liegen.
Dafür kenne ich jetzt schon etwas das indische Gesundheitssystem schon etwas besser. Die meisten indischen Ärzte arbeiten in öffentlichen Kliniken, wo man lange warten muss und alle hingehen müssen, die es sich anders nicht leisten können. Dort läuft schnelle Behandlung wohl auch noch über Bestechung. Aber diese Ärzte haben fast alle noch eine private Klinik oder Praxis, wo sie einem dann doch immer zu raten. In einem Hospital war ich glücklicherweise noch nicht, ich bin dann gleich zum VW-Arzt in die Privatpraxis. Einmal Konsultation rund 12 Euro, nix mit ich hab in dem Quartal schon, dass sollten sich einige in Deutschland mal Gedanken machen.
Nein ich hab mir natürlich auch noch was angesehen. Ich war auf einer geführten Tour durch Dharavi, dass ist hier wohl der größte öffentlich anerkannte Slum. Öffentlich anerkannt, sind von den über 200 Slums Mumbais weniger als 10%, was aber nichts daran ändert, dass es so viele sind. Aber Slum ist nicht gleich Slum. Dharavi ist ungefähr genauso alt, wie der Rest von Mumbai. Das älteste Haus steht da seit 1850 glaub ich. Der Slum verfügt über offiziellen Stromanschluss und Wasserleitungen, die aber nur 3h am tag Wasser führen. Diese Konstruktionen als abenteuerlich oder lebensgefährlich zu bezeichnen wäre untertrieben. Ach so leider durfte man dort keine Photos machen, aber dafür senden die einem welche zu. Hab sie noch nicht bekommen, aber werde mich da noch mal kümmern und sie bei Gelegenheit nachreichen. Slum bedeutet hier wohl einfach nur, dass dieses Stadtviertel gnadenlos übervölkert ist, mit einer der höchsten Bevölkerungsdichten der Erde.
Was kann man da nun sehen. Also es ist nicht so, dass die Leute dort den ganzen Tag nur rum sitzen und betteln, dieser Slum hat ein jährliches BIP von 600 Millionen Dollar! Hier leben und arbeiten viele der armen Landbewohner, die nur einmal im Jahr zu Ernte heimfahren. Die arbeiten dann zum Beispiel im Recycling-Distrikt, wo die Plastik der Stadt gesammelt, gewaschen und gehäckselt wird, danach wird sie eingeschmolzen, zu Pallets verarbeitet und wieder verkauft. Sieht interessant aus, wenn man bedenkt, dass hier Niemand eine Ausbildung für seine Tätigkeiten hat. Ich schätze die Lebenserwartung der Leute an den Schrättermaschinen, trotz notdürftiger Atemmasken wohlwollend auf 35-40 Jahre. Im Slum gibt es ganze Fabriken, wo beispielsweise Aluminium geschmolzen wird, das kann man sich life und in Farbe ansehen, echt krass, damit soll mal ein deutsches Aluminiumwerk konkurrieren, wird schwer. Die Lebenserwartung dieser Leute würde ich aber noch unter denen mit den nanoteilchengroßen Plastikschnipseln in der Lunge ansehen, denn geschmolzenes Aluminium ist hochgiftig und die arbeiten da nicht nur, nein fegen abends durch legen sich dann daneben zum Schlafen hin. Es gibt auch Maschinenbaufabriken, die zum Beispiel die Plastikhäcksler herstellen, die auch nach ganz Asien exportiert werden. Zum Maschinenbauer im Selbststudium, im Slum ist das möglich. Natürlich gibt es auch noch andere Tätigkeiten, die weniger lebensbedrohlich sind. Es gibt Töpferdistrikte, Gebiete mit Bäckereien, Schreinmanufakturen für hinduistische Tempel, wo lustigerweise ausschließlich Muslime arbeiten. Denn die Religionen sind in diesem Slum aufgrund der letzten Ausschreitungen vor ein paar Jahren getrennt. Es gibt im Slum auch Schulen betrieben von NGO’s und natürlich auch Wohndistrikte, die verdammt kleine Gassen und Wohnungen haben, eng, dunkel, feucht, dreckig sind, stinkend nicht zu vergessen und dafür aber einen erstaunlich belebten Eindruck machen. Nach 2,5 h Slumtour hat man genug von alledem und möchte nur eins. Da raus!
Was kann man nun nach so einem Besuch festhalten. Im Slum leben und arbeiten wie auch gedacht, die von ganz unten. Meist Menschen vom Land, das ist dort wo auch noch die Untereinheit der indischen Rupie (1 € ~ 62,5 ind. Rupien) einen Wert hat. Ich hab noch keine dieser ominösen Geldstücke gesehen. Genau wie überall gibt es auch im Slum arme und reiche. Es gibt dort Häuser mit marmorierten Eingängen und Straßen so breit wie Promenaden, dort leben meist die einheimischen Fabrikbesitzer. Es gibt auch Läden mit westlichen Produkten, die man so dort nicht vermuten würde, also Slum ist nicht gleich Slum und jede Ecke kann da anders aussehen. Es gibt einen Slum in dem wird fast die gesamte Wäsche aus allen Wäschereien Mumbais gewaschen, der Name ist mir leider entfallen. Das Spektakel kann man sich von einer Brücke bei einer S-Bahnstation anschauen. So weit das Auge reicht Waschplätze aus Beton und hängende Wäsche, sei es von Firmen oder Privat. Vor allem in den über 90% der illegalen Slums gibt’s es auch oft keine Strom- oder Wasseranbindung, da sind die Lebensbedingungen natürlich nochmals schlechter. Mir ist im Slum auch oft nicht unbedingt ein Unterschied zu anderen Teilen Mumbais aufgefallen, was jetzt nicht despektierlich oder böse gemeint ist, das ist einfach mal so. Über die Hälfte dieser Stadt besteht aus Slums und die Unterschiede zu „normalen“ Wohnviertel sind oft marginal bzw. die Übergänge fließend. Was einen nach einem Besuch zu denken gibt, ist das Recyclingsystem im Slum. Fast alles was in dieser Stadt gebraucht wird und irgendwie wieder verwendbar ist landet dort. Kompost, Plastik, Papier, Karton, Metalle, eigentlich alles. Schwerölfässer werden da ausgebrannt und gereinigt und wieder versandt. Aus den Resten aus Pflanzenöl und der Reinigungslauge wird zum Beispiel wieder Seife gemacht. Wie gesagt gibt es Bäckereien die Backwaren verkaufen, die man überall in den kleinen Läden kaufen kann. Ich mach es natürlich nicht, vor allem wo man weiß wo das alles herkommt. Ich denke mal fast jedes Produkt, das wieder verwertbar ist, landet hier mindestens einmal in seinem Leben im Slum.
Schlussfolgerung: Man kauft hier bewusster!
Was kann man noch erzählen. Es gibt in Mumbai einen deutschen Stammtisch. Man trifft sich einmal die Woche jeden Mittwoch in einem gehobenen Restaurant, wo man dann für deutsche Verhältnisse lächerliche 15-20 Euro lässt. Coole Sache eigentlich, immer wo anders, so sieht mal was von der Stadt. Der Platz des Organisators ist momentan vakant, aber ich werd mich nicht drum bemühen, da ich mich halt kaum hier auskenne und auch nicht lang genug da bin. Alle arbeiten bei westlichen Firmen und es sind auch nicht immer die gleichen Personen anwesend, so wird es nicht langweilig. Hoffentlich gibt’s den Stammtisch auch weiterhin. Morgen ist zum Beispiel noch Segeltrip in der Bucht vor Mumbai, aber wegen meinem Gesundheitszustand werde ich darauf wohl verzichten müssen.
